24.10.2019 - Regulatorischer Speed

© Raiffeisen KAG

Die Finanzinstitute müssen unter hohem Zeitdruck ihre Produkte und Dienstleistungen auf Nachhaltigkeit ausrichten.


Der Klimawandel beschäftigt die Finanzindustrie nicht nur aufgrund der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Anlageprodukten, auch die Regulatoren versuchen "Sustainable Finance" einheitlich für die Branche zu definieren. "Es ist spannend, was da alles an regulatorischen Herausforderungen auf die Finanzindustrie zukommt", sagte Rainer Schnabl, Vorsitzender der Geschäftsführung der Raiffeisen KAG, im Rahmen der "Future Talks". Es seien unglaubliche Beträge, die man in die Hand nehme müsse, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. "Eines ist damit aber klar: Um gewisse Ziele zu erreichen, wird es ohne die Finanzindustrie nicht gehen. Es geht darum, Einfluss zu nehmen", betonte Schnabl in seiner Begrüßung.
 
Das Pariser Klimaabkommen definiere als Ziel, die Erderwärmung unter 2 Grad Celsius zu halten. Dafür sind zahlreiche Maßnahmen vom klassischen Umweltschutz bis hin zur Energiewende und dem Umbau der Wirtschaft notwendig. Allein in Österreich wird der Finanzierungsbedarf für eine Energiewende in der Stromerzeugung auf 29 Mrd. Euro geschätzt. Die EU-Kommission errechnete einen jährlichen Investitionsbedarf in der EU von 180 Mrd. Euro jährlich. "Die Industrie kann und muss einen substanziellen Beitrag zur Erreichung dieses Ziels leisten, sonst wird man diesen Bedarf nicht stemmen können", ist Dieter Aigner, Geschäftsführer der Raiffeisen KAG, überzeugt. Dazu komme, dass der Klimawandel viele Wirtschaftszweige massiv betreffe wie etwa die Land-und Forstwirtschaft, wo sich sich ganze Geschäftsmodelle ändern.
 
Ein "Green Deal" ist ein Kernziel der neuen EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen. Dazu zählt auch "Sustainable Finance"."Wenn man auf die regulatorische Zeitachse für die Finanzindustrie schaut, fällt auf, dass ein wahnsinniger Speed dahinter ist", betonte Christine Würfel, Leiterin der Group Regulatory Transparency der Raiffeisen Bank International. Das erinnere an die Zeit nach der Finanzkrise 2008. So wurde etwa heuer im Juni die neue Richtlinie der europäischen Bankenaufsicht EBA zur Kreditvergabe und -überwachung sowie die Leitlinien für die Berichterstattung über klimabezogene Unternehmensinformationen veröffentlicht. Eine schrittweise Anwendung der neuen Maßnahmen in diesem Bereich ist für 2022/23 geplant. Ziel der ganzen Maßnahmen sei die Neuausrichtung von Kapitalflüssen hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft. Als Maßnahmen für die Kernziele nennt Würfel vor allem die Taxonomie-Verordnung als einheitliches Klassifikationssystem, die Verordnung zu Offenlegungspflichten und für Referenzwerte/Benchmark. "Diese Vorschriften sollen dazu dienen, Transparenz zu schaffen - beim Kunden, Finanzinstitut, Unternehmen und Investor. Es solle Klarheit geschafft werden, dass dort, wo nachhaltig draufsteht, auch nachhaltig drinnen ist." Dass diese Bemühungen den Komplexitätsgrad in der Finanzindustrie in die Höhe schrauben, liegt auf der Hand. "Die Nachhaltigkeit zu bestimmen, sucht seinesgleichen und ist ein regulatorisches Monster", erklärte Heinz Macher, Leiter Regulation, Tax & Compliance bei der Raiffeisen KAG. Der Zweck der Taxonomie-Verordnung sei es, den Kunden informieren zu können, zu wie viel Prozent ein Investmentvehikel wie ein Fonds sein Vermögen in wirtschaftlich nachhaltige Tätigkeiten investiert.
 
Die Finanzwirtschaft könne die Klimakrise zwar nicht lösen, aber sie könne Lösungen finanzieren, betonte Aigner. Das werde auch immer mehr von Anlegern erkannt. Mit 5,9 Mrd. Euro nachhaltig gemanagten Assets seien bereits 15 Prozent der Gesamtassets der Raiffeisen KAG in diesem Bereich veranlagt -Tendenz steigend. Nachhaltig investieren bedeute, einen aktiven Managementansatz zu verfolgen. Es gehe darum, aktiv mit Unternehmen in Kontakt zu treten bzw. die Stimmrechte in Richtung Green Finance auszuüben.

Quelle: Raiffeisenzeitung; Text: lov
Bild: Dieter Aigner, Christine Würfel, Heinz Macher und Rainer Schnabl; © Raiffeisen KAG