29.06.2017 - Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil

DI Johann Marihart, AGRANA Vorstandsvorsitzender © AGRANA

Nachhaltigkeit kann nicht gleichbedeutend mit einem Totalverzicht auf Pflanzenschutz sein, hieß es auf der Betaexpo 2017.

"Wer Kunden wie Coca Cola beliefern will, muss sich der Nachhaltigkeitsdiskussion stellen", meinte Fritz Gattermayer, für den Rohstoffbereich der Agrana verantwortlich, bei der Betaexpo auf "Europas größtem Schaufeld" am Gelände der Zuckerfabrik in Tulln. Dort konnte der Konzern bei sommerlich-heißen Temperaturen rund 2.000 Besucher begrüßen. Wie gewohnt zeigten die Agrana und zahlreiche Partnerunternehmen neueste Entwicklungen rund um den Anbau jener Kulturen, aus denen der Konzern Zucker, Stärke und Bioethanol herstellt. Im Mittelpunkt vieler Aktivitäten: Effizienz und schonender Umgang mit den Ressourcen. Wie die Rohstofflieferanten mit diesen umgehen, wird von den Abnehmern der Endprodukte immer öfters hinterfragt. Bei der Agrana bemühe man sich in der Entwicklung und Forschung seit langem um das Thema und habe daraus einen Wettbewerbsvorteil gemacht. So wurden bei der Betaexpo im Rahmen des "Sustainability Awards" auch heuer wieder Nachhaltigkeitsprojekte vor den Vorhang geholt. Die Familie Romstorfer aus Raggendorf entwickelt etwa mechanische Hacksysteme zur Unkrautbekämpfung im Bio-Rübenanbau weiter. Der Erdbeerlieferant Natberry aus Marokko schafft lokale Arbeitsplätze und ist in der Förderung von Frauen engagiert.

"Wir wollen unsere Rohstoffe wenn möglich zu hundert Prozent nutzen", erläuterte der Vorstandsvorsitzende Johann Marihart den Kern der Agrana-Nachhaltigkeitsstrategie. So stelle man künftig aus der Kartoffelpülpe, die im Werk Gmünd anfällt, ein getrocknetes, ballaststoffreiches und kalorienarmes Nahrungsmittel her. Bisher habe man das Nebenprodukt als Abfall betrachten müssen. Bei der Herstellung von Bioethanol fällt bereits bisher mit Actiprot ein gentechnikfreies Eiweißfuttermittel an. Die Gentechnikfreiheit werde sowohl für die Agrana als Verarbeiter als auch für die Landwirte als Lieferanten "mehr noch als heute" ein Alleinstellungsmerkmal sein, so Marihart. In anderen, für den Konzern relevanten Bereichen stecke man aber auf halbem Weg fest. So wurde die von der Politik versprochene zehnprozentige Beimengung von Bioethanol zum Benzin nicht umgesetzt. "Auch die Benzinmotoren werden wegen der Rußpartikel unter Beschuss geraten", erwartet Marihart. Mit E10 (also zehn Prozent Anteil) könnte man diese um 20 Prozent, mit E20 sogar um bis zu 60 Prozent reduzieren.
 

Wohl und Übel

Ein wichtiger Aspekt einer nachhaltigen Landwirtschaft ist der bedachte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Die Verfügbarkeit von Wirkstoffen ist allerdings auch für die Wettbewerbsfähigkeit der agrarischen Rohstoffproduktion ein entscheidender Faktor. Wie bei der Podiumsdiskussion auf der Betaexpo festgestellt wurde, bleibe der fachliche Diskurs in einer emotionalen Debatte dabei auf der Strecke. Die Landwirtschaft verliere deshalb gerade einige ihrer wirksamsten Waffen gegen bereits besiegt geglaubte Schädlinge und Unkräuter. Rübenbauernpräsident Ernst Karpfinger sprach sogar von einem "Rückfall in die Steinzeit des Ackerbaues". Angesichts der Diskussion um Neonicotinoide und Glyphosat zeige sich, dass man mit öffentlichem Wirbel mehr erreiche als mit der Expertise von Fachleuten. Bei Ersteren sollen Ausnahmen für Rüben und Getreide fallen. Auch die geplante zehnjährige Verlängerung von Glyphosat wird von NGOs bekämpft. Wie Landwirtschaftskammerpräsident Hermann Schultes sagte, bestätige aber jede damit befasste Agentur und Einrichtung, dass das Produkt ordentlich eingesetzt werden könne. "Auf technisch-fachlicher Ebene ist damit klar, dass es bleiben muss." Schultes betonte die Bedeutung von Glyphosat für den Erosionsschutz.

Vertreter der konventionellen Landwirtschaft beklagen eine stark verengte gesellschaftliche Betrachtungsweise des Themas. Es sei nicht gelungen, Pflanzenschutz als Sicherung der Lebensgrundlagen positiv zu besetzen, meinte Oberösterreichs Pflanzenbaudirektor Christian Krumphuber. "Stattdessen werden unreflektiert Meinungen von Leuten mit zweifelhafter Expertise übernommen." Als Folge des gesellschaftlichen Drucks sollen in einer gefahrenbasierten Bewertung künftig keine Wirkstoffe, von denen potenziell (bei unsachgemäßer Anwendung) eine Gefahr ausgeht, mehr zugelassen werden. Damit würden etwa laut Auskunft der Industrie neun der zehn gängigsten Getreideherbizide wegfallen.

Bei den Zuckerrüben würden ohne neonicotinoider Beizung des Saatgutes Ernteverluste von bis zu 35 Prozent bevorstehen. "Der Rüsselkäfer wird wieder ein großes Problem werden", meinte Rudolf Purkhauser von der Industriegruppe Pflanzenschutz (IGP) in Tulln. Die landläufige Meinung, dass mit dem Verbot eines Spritzmittels der Einsatz von chemischen Stoffen automatisch weniger wird, ist dabei ein Trugschluss. "Beim Raps haben wir bisher keine Herbstschäden gehabt", nannte Purkhauser ein Beispiel, " jetzt müssen wir schon im Herbst zwei bis drei Mal großflächig spritzen, statt wie bisher die Samen gezielt gegen Schädlinge zu beizen."

Quelle: Raiffeisenzeitung; Text: Stefan Nimmervoll